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Übersäuerung was wirklich dahintersteckt

Inhalt des Webinars

Säuren sind schlecht, Basen sind gut, so einfach klingt das gängige Bild vom Säure-Basen-Haushalt. Gesundheitslehrer Raik Garve räumt in seinem Webinar mit dieser Schwarz-Weiß-Vorstellung auf und erklärt, warum Übersäuerung ein viel komplexeres Thema ist, als die meisten Ratgeber es darstellen.

Raik Garve ist seit 2005 Gesundheitslehrer und Dozent in der Erwachsenenbildung. In seinen Vorträgen verbindet er schulmedizinisches Grundlagenwissen mit einer biophysikalischen Perspektive auf den Körper.

Warum es die eine Übersäuerung nicht gibt

Der Körper hat laut Garve kein einheitliches pH-Milieu, sondern viele verschiedene, je nach Gewebe. Der Magensaft liegt stark sauer bei etwa 1,5 bis 1,8, der Speichel dagegen fast neutral, das Blut bewegt sich weitgehend im leicht basischen Bereich. Diese Unterschiede sind notwendig, damit überhaupt Stofftransporte stattfinden können. Ein Nierenwert von morgens sehr saurem Urin sagt laut Garve deshalb auch wenig über das gesamte Körpermilieu aus, obwohl genau das häufig als Beleg für eine allgemeine Übersäuerung herangezogen wird. Die Frage, ob alle Menschen übersäuert seien, hält Garve deshalb für unpräzise: Übersäuert wo genau, in welchem Gewebe?

Auch begrifflich sieht Garve häufig Verwirrung: Naturheilkundler meinen mit Übersäuerung meist eine chronische Azidose im Zwischenzellraum, Schulmediziner denken dabei an eine akute Azidemie im Blut, ein lebensbedrohlicher Zustand. Beide reden dann aneinander vorbei. Auch den verbreiteten Mythos, Basenbäder würden den Körper von innen entsäuern, ordnet Garve ein: Die Haut hat keinen bekannten pH-Sensor und ist nicht in die Regulation des Säure-Basen-Haushalts eingebunden. Ein Basenbad kann entspannen, entsäuert aber nach seiner Darstellung nicht das Körperinnere, sondern wäscht lediglich den Säureschutzmantel der Haut ab. Der leicht saure Film auf der Haut entsteht dabei ohnehin nicht durch ausgeschiedene Körpersäuren, sondern durch Milchsäure, die Bakterien auf der Haut selbst bilden.

Übersäuerung und die Rolle der Leber

Statt bei einzelnen Symptomen anzusetzen, richtet Garve den Blick auf die Leber, für ihn eines der zentralen Regulationsorgane im Säure-Basen-Haushalt. Kommt es im Darm durch eine ungünstige Bakterienbesiedlung zu Gärungs- oder Fäulnisprozessen, entstehen Stoffe wie Ammoniak oder Fuselalkohole, die die Leber zusätzlich belasten. Muss sich die Leber vorrangig um diese Stoffe kümmern, bleiben die täglich anfallenden organischen Fettsäuren aus dem normalen Zellabbau liegen, was sich laut Garve als Übersäuerung im Zwischenzellraum zeigen kann.

Von reflexartiger Selbstmedikation mit Basenpulver rät Garve deshalb eher ab. Ein unkontrollierter Eingriff könne den Körper stattdessen zu stark ins Basische verschieben, was ebenfalls unerwünschte Folgen haben kann, etwa für die Magensäureproduktion oder die Zellteilung. Entscheidend ist für ihn nicht der punktuelle pH-Wert, sondern ob der Körper überhaupt noch in der Lage ist, flexibel zwischen sauer und basisch zu wechseln, je nachdem, was gerade gebraucht wird. Nachts etwa braucht das Gewebe eher ein basisches Milieu für Regeneration und Zellteilung, tagsüber bei körperlicher Aktivität eher ein saureres. Kann der Körper diesen Wechsel nicht mehr leisten, ist das für Garve das eigentliche Problem, nicht der einzelne Messwert.

Übersäuerung vorbeugen: Warum Regulation zählt

Statt einer pauschalen Diät empfiehlt Garve, an der Regulationsfähigkeit selbst anzusetzen, also an Magensäure, Darmbesiedlung und Leberfunktion gemeinsam. Wie eng eine überlastete Leber mit alltäglichen Belastungen zusammenhängt und was dagegen helfen kann, erklärt Marcus Stanton ausführlicher in unserem Beitrag Leber entlasten.

Auch emotionaler Dauerstress spielt für Garve eine Rolle, weil er über das sympathische Nervensystem die Säureproduktion antreibt und der Körper seltener in die für Regeneration wichtige, eher basische Ruhephase kommt. Konkrete Ernährungsempfehlungen für alle gibt Garve bewusst nicht, dafür sei die individuelle Konstitution zu unterschiedlich. Auch die Frage nach veganer versus fleischbetonter Ernährung lässt sich seiner Ansicht nach nicht pauschal beantworten, weil ausreichende Magensäure und eine gesunde Darmbesiedlung am Ende wichtiger sind als die reine Wahl der Lebensmittel. Im zweiten Teil im Juli will er genauer auf das Zusammenspiel von Magen, Darm und Leber eingehen.

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