Sodbrennen bedeutet zu viel Magensäure, oder? Gesundheitslehrer Raik Garve dreht diese verbreitete Annahme im zweiten Teil seines Webinars zum Säure-Basen-Haushalt um und erklärt, warum Magensäuremangel oft die eigentliche Ursache ist.
Raik Garve ist seit 2005 Gesundheitslehrer und Dozent in der Erwachsenenbildung. In seinen Vorträgen verbindet er schulmedizinisches Grundlagenwissen mit einer biophysikalischen Perspektive auf den Körper.
Warum der Magen sowohl Säuren als auch Basen produziert
Der Magen ist laut Garve nicht nur für seine Säureproduktion bekannt, er stellt im gleichen Verhältnis auch Basen her. Für jedes Säureteilchen, das in den Magen abgegeben wird, entsteht gleichzeitig ein Bikarbonatteilchen, das ins Blut wandert. Je saurer das Magenmilieu, desto basischer wird dadurch das Blut, ein Zusammenhang, der in der Diskussion um den Säure-Basen-Haushalt oft übersehen wird. Auch beim Atmen zeigt sich diese enge Kopplung: Wer hyperventiliert, atmet vermehrt Kohlensäure ab und verschiebt das Blut ins Basische, wer lange die Luft anhält, verschiebt es leicht ins Saure.
Daraus folgt für Garve eine wichtige Konsequenz: Wer die Magensäureproduktion medikamentös mit Protonenpumpenhemmern dauerhaft unterdrückt, hemmt damit automatisch auch die Basenproduktion. Das kann laut Garve dazu beitragen, dass das Bindegewebe eher sauer und gleichzeitig das Darmmilieu eher basisch wird, ein ungünstiges Wechselspiel, das er als eine der am meisten unterschätzten Nebenwirkungen dieser Medikamentengruppe einordnet. Auf dem Beipackzettel entsprechender Präparate finden sich laut Garve nicht zufällig Nebenwirkungen wie Magenbeschwerden, Durchfall, Verstopfung und Übelkeit, Symptome, die eher für einen Mangel als für einen Überschuss an Magensäure sprechen.
Magensäuremangel und die Folgen für Leber und Verdauung
Der Schließmuskel zwischen Speiseröhre und Magen wird ebenfalls vom pH-Wert gesteuert, erklärt Garve. Erst bei ausreichend saurem Magenmilieu schließt er richtig. Ist zu wenig Magensäure vorhanden, bleibt Nahrung länger im Magen liegen, was Gärungs- und Fäulnisprozesse begünstigt. Entstehende Gase wie Ammonium drücken den Schließmuskel dann von innen auf, sodass Mageninhalt zurück in die Speiseröhre gelangen kann. Sodbrennen kann also, entgegen der verbreiteten Annahme, gerade Folge eines Magensäuremangels sein statt eines Überschusses.
Weitere Anzeichen für Magensäuremangel sind laut Garve Blähungen, ein Völlegefühl nach dem Essen, vermehrte Unverträglichkeiten, weil unzureichend aufgeschlossene Eiweiße vom Körper eher als Fremdstoff erkannt werden, sowie anhaltende Müdigkeit und Konzentrationsprobleme. Auch das Wachstum unerwünschter Keime im Magen wird bei zu hohem pH-Wert begünstigt, weil diese in stark saurem Milieu sich normalerweise kaum halten können. Für die eigentliche Verdauung ist ausreichend Magensäure außerdem entscheidend, um Eiweißstrukturen aufzuschließen und Mineralstoffe sowie Vitamin B12 überhaupt erst aufnehmen zu können, unabhängig davon, wie hochwertig die Nahrung selbst ist.
Magensäuremangel erkennen und die Leber entlasten
Im Zentrum der Regulation steht für Garve die Leber, die rund 40-mal mehr Bikarbonat produziert als der Magen und deshalb das wichtigste Organ für den gesamten Säure-Basen-Haushalt ist. Täglich fallen durch den normalen Zellabbau organische Säuren an, die die Leber verarbeiten muss. Ist sie zusätzlich mit Ammoniak aus einer ungünstigen Darmbesiedlung beschäftigt, einem Stoff, der laut Garve rund tausendfach giftiger ist als Alkohol und die Mitochondrien der Zellen beeinträchtigen kann, bleibt für diese eigentliche Aufgabe weniger Kapazität übrig. Wie diese Entgiftungsorgane im Detail zusammenarbeiten, erklärt Marcus Stanton ausführlicher im Webinar Leber, Niere und Co: wie deine Entgiftungsorgane wirklich arbeiten.
Von hochalkalischen Basenmitteln als Dauerlösung rät Garve eher ab, weil sie das Darmmilieu zu stark ins Basische verschieben und damit genau die Fäulnisprozesse begünstigen können, die zusätzliches Ammoniak erzeugen. Stattdessen setzt er selbst auf Toxaprevent, um die sogenannte enterohepatische Rückvergiftung zwischen Darm und Leber zu unterbrechen: Der enthaltene Naturzeolith bindet Schadstoffe direkt im Darm, ohne selbst aufgenommen zu werden, sodass die Leber wieder mehr Kapazität für ihre eigentliche Entsäuerungsarbeit hat. Ergänzend rät Garve, die eigene Magensäure natürlich zu unterstützen, etwa mit verdünntem Essig oder Zitronensaft vor der Mahlzeit, statt sie über Basenmittel dauerhaft zu unterdrücken.