Warum werden manche Menschen trotz Stress und Belastung kaum krank, während andere unter ähnlichen Bedingungen ständig kränkeln? Arzt und Gesundheitslehrer Raik Garve nutzt in seinem Webinar ein Modell aus der Gesundheitsforschung, um genau diese Frage zu beantworten, und zeigt, was gesundheitliche Selbstermächtigung damit zu tun hat.
Raik Garve ist seit 2005 Gesundheitslehrer und Dozent in der Erwachsenenbildung. Er verbindet in seinen Vorträgen schulmedizinisches Wissen mit Erfahrungsheilkunde und will Menschen dabei helfen, mehr Experte für die eigene Gesundheit zu werden.
Was Gesundheit laut Salutogenese wirklich bedeutet
Die klassische Medizin fragt vor allem, wodurch Krankheit entsteht. Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky drehte diese Frage um und entwickelte das Konzept der Salutogenese, es fragt, wodurch Gesundheit entsteht. Statt einer starren Grenze zwischen krank und gesund beschreibt das Modell ein Spektrum, auf dem sich jeder Mensch ständig etwas in die eine oder andere Richtung bewegt.
Garve erklärt das anhand von Alltagsbeispielen. Wer passiv bleibt und wartet, bis Beschwerden verschwinden, bewegt sich eher Richtung Krankheitspol. Wer dagegen aktiv wird, etwas über sich selbst lernt und ins Handeln kommt, bewegt sich Richtung Gesundheitspol. Entscheidend ist laut Garve weniger der aktuelle Zustand als die Richtung, in die sich jemand bewegt.
Ein Baustein davon ist laut Garve schon die Sprache selbst. Das Wort Krankheit stammt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutete ursprünglich schlicht Schwäche. Wer versteht, wie stark Sprache und Krankheitsbilder die eigene Angst mitgestalten, kann bewusster damit umgehen, statt jeder neuen Diagnose hilflos ausgeliefert zu sein. Dabei unterscheidet die Medizin zwischen inneren Faktoren wie Alterung oder Erbanlagen, die kaum beeinflussbar sind, und äußeren, epigenetischen Faktoren wie Ernährung, Stress oder Umweltbedingungen. Genau diese äußeren Faktoren lassen sich laut Garve gut beeinflussen, sobald man sie für sich erkennt, und genau hier setzt gesundheitliche Selbstermächtigung an.
Das Kohärenzgefühl als Grundlage für gesundheitliche Selbstermächtigung
Antonovsky fand heraus, dass drei Gefühlszustände zusammen ein sogenanntes Kohärenzgefühl ergeben, das den entscheidenden Unterschied macht. Das erste ist die Verstehbarkeit: reines Wissen darüber, was im eigenen Körper passiert und warum. Garve betont, wie sehr allein diese Einordnung schon entlasten kann, wenn ein Symptom plötzlich einen nachvollziehbaren Kontext bekommt.
Das zweite Gefühl ist die Handhabbarkeit, also das Vertrauen, selbst etwas tun zu können. Dafür braucht es aus Garves Sicht praktisches Wissen und konkrete Fertigkeiten, einen kleinen persönlichen Methodenkoffer, auf den man im Alltag zurückgreifen kann. Das dritte Gefühl ist die Sinnhaftigkeit, die Klarheit darüber, wofür man sich überhaupt engagiert. „Gesundheit ist dann fast ein Nebenprodukt“, sagt Garve, wenn jemand nach seinen eigenen Werten und Zielen lebt, statt Gesundheit als reinen Selbstzweck zu verfolgen.
Erst das Zusammenspiel aller drei Gefühle ergibt laut Antonovsky ein stabiles Kohärenzgefühl. Fehlt eines davon dauerhaft, etwa weil jemand zwar viel weiß, aber keine Werkzeuge zum Handeln hat, bleibt dieses Gefühl von Stimmigkeit häufig aus, selbst wenn die anderen beiden Bereiche gut ausgeprägt sind.
Gesundheitliche Selbstermächtigung im Alltag trainieren
Konkret empfiehlt Garve, Handhabbarkeit gezielt zu trainieren, zum Beispiel durch moderates Abhärtetraining wie kalte Duschen, Zeit an der frischen Luft oder bewusste Kälte- und Wärmereize. Wer solche Erfahrungen macht, merkt laut Garve direkt, dass sich Widerstandsfähigkeit aktiv beeinflussen lässt, statt nur passiv abzuwarten.
Zur Handhabbarkeit zählt für ihn auch ein bewusster Umgang mit der täglichen Schadstoffbelastung. Statt einer einmaligen radikalen Kur empfiehlt er dafür einen kontinuierlichen, ruhigen Ansatz, ähnlich wie beim täglichen Zähneputzen. Wie genau ein solcher Entgiftungsprozess abläuft und worauf es dabei ankommt, hat Garve in einem eigenen Webinar ausführlich erklärt, das du dir hier noch einmal ansehen kannst.
Gesundheitliche Selbstermächtigung ist für Garve am Ende kein einmaliger Zustand, sondern eine Haltung, die sich Schritt für Schritt aufbaut. Wissen, ausprobierte Fertigkeiten und ein klarer eigener Sinn zusammen ergeben genau dieses Kohärenzgefühl, das den Unterschied macht, wie ein Mensch mit Belastung umgeht.